Leadership – auch digital – aus Sicht der Ameise

Ich bin seit gut 25 Jahren als externer Consultant in der IT tätig. Das hört sich gut an, besonders wenn ich noch „Senior“ davor schreibe. Ich werde tatsächlich dieses Jahr 60. Letztendlich gehöre ich beim Kunden aber zur Kaste der Ameisen. Bin also auf der Arbeitsebene tätig. In diesen vielen Jahren war ich in über 20 Unternehmen tätig. Teils für wenige Monate, mehrmals für einige Jahre, auch mit Wiederholungen.

Ich wurde dort geführt. Wie auch die anderen – meist fest angestellten – Ameisen. Da bekam ich einiges über verschiedene Führungsstiele mit. Ich möchte hier aber nicht über die verschiedenen Stile berichten oder sie sogar bewerten.

Aus Sicht der Ameisen ist das etwas für teuer eingekaufte Beratungsunternehmen. Die haben scheinbar sehr viel Erfahrung und wissen was das Beste für ihre Klienten ist. So treten sie jedenfalls auf – aus Sicht der Ameisen.

Als „Neuer“ bekam ich meist innerhalb der ersten zwei Wochen mit wie das jeweilige Unternehmen so tickt. Oft nahmen mich langjährige Mitarbeiter*innen zur Seite und erklärten mir wie es hier so läuft. Nämlich eigentlich gar nicht. 

Ich spürte da sofort den Frust. Das war dann meist nicht nur in meiner Abteilung so, sondern auch in den anderen.

Die häufigste Urasche: Meinungen und vor allem Wissen der Kollegen wurden nicht abgerufen. Eine wesentliche Voraussetzung für gute Führung. Die eigenen Mitarbeiter*innen und ihre Expertise wurden schlicht ignoriert.

Neue Produkte werden eingekauft, dazu wurden externe Spezialisten gefragt, Die eigenen Mitarbeiter*innen aber vor vollendete Tatsachen gestellt.

So gewinnt keine Führungskraft echte Follower.

Wer eigentlich der Geschäftsführer oder Vorstand ist, wissen nicht alle Mitarbeiter*innen. Manchmal residierten diese gerade mal zwei Stockwerke über mir. Man kennt sie aber nur von Betriebsversammlungen. Sie haben auch oft einen eigenen Aufzug.

So findet keine Gefolgschaft statt.

Nur in vier Unternehmen war es nach meiner Erinnerung anders. Zwei davon waren Inhabergeführt mit ca. 200 und 4.000 Mitarbeiter*innen.

Die anderen beiden waren große AG’s mit bis zu 150.000 Mitarbeiter*innen.

Was lief dort anders? Die Chefs setzten auf Eigenverantwortung und waren klar in ihren Aussagen. Keine Worthülsen und sonstiges Geschwubbel. Sie waren für alle Mitarbeiter*innen sichtbar und ihr Handeln passte zu ihrem gesprochenen Wort. 

Auch dort gab es natürlich Konflikte, dass ist ganz normal. Konflikte wurden aber fair und wertschätzend geklärt.

Es macht etwas aus wenn sich Führungskräfte – besonders die von ganz oben – zeigen. Auch ganz persönlich, indem sie jede Woche ein paar Stunden im Hause spazieren gehen.

Einmal kam ein CEO in meinem Büro vorbei und fragte mich ob er etwas für mich tun könne. Ich deutete auf mein Fenster und sagte „Mein Rollo klemmt“ Er lachte und sagte „da kann ich Ihnen helfen. Wenn ich beim Facility Management anrufe ist das gleich erledigt. Ich weiss, Sie müssen ein Ticket eröffnen und es dauert drei Monate“. Wir lachten dann beide und mein Rollo wurde am selben Nachmittag ausgetauscht.

Das erzeugt Follower!

Nun, das digitale Leben im Homeoffice stellt andere Anforderungen. Hie sind alle auf Distanz. Wir Ameisen wollen aber auch hier gesehen werden. Dazu muss Nähe geschaffen werden. Wir Ameisen haben meist einen Chat offen und können uns ansprechen. Auch mal mit lustigen Bemerkungen.

In unserem Chat hat aber Chef*in nichts verloren. Außer wenn er*sie uns als echte Follower hat und wir uns ohne Bedenken austauschen können.

Wie kann sich unser Leader aber solches Vertrauen erarbeiten? Eine Möglichkeit wäre, dass er*sie selbst einen Chat für alle aufmacht. Den Chef*in Chat. Hier kann ihn jeder direkt ansprechen und er*sie sollte durchaus etwas über sich mitteilen. 

Vielleicht auch etwas privates wie: „gehe kurz einkaufen“, „passe gerade auf den Hund auf“, „greisliges Wetter hier“. Tatsächlich baut das Nähe auf. Ich kann das nur bestätigen.

Vor ein par Tagen stellte mir mein neuer Teamleiter einen VK Termin ein. Er sagte wie es mir geht und wir sprachen ein par persönliche Worte. Ich fühlte mich einfach gut abgeholt.

Es gibt noch viele andere einfache Methoden echte Follower zu bekommen. Sie müssen halt von Herzen kommen. Wir Ameisen folgen gerne wenn sich Chef*in das verdient hat. 

Jürgen Sterlike

Noch etwas: niemand-mag-tickets.de